Paralleles Erwachen

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Paralleles Erwachen


Ich befinde mich längere Zeit auf dem spirituellen Weg und habe auch schon viele befreiende Erfahrungen gemacht. Ihr erstes Buch hat mir dabei sehr geholfen. Zugleich denke ich manchmal "Es geht mir schlechter als zuvor." Gefühle wie Traurigkeit und Verzweiflung, manchmal auch Wut oder Angst fühlen sich sehr viel intensiver an als zuvor. Zeitweise frustriert mich das sehr. Mache ich irgendetwas verkehrt?


Ich benutze manchmal den Begriff "Paralleles Erwachen": Erwachen wir zu innerer Freiheit werden wir für zwei Ebenen des Seins wach. Auf der einen Seite zeigt sich uns die Tiefenebene des Seins. Hier finden wir innere Gelöstheit und Ruhe. Wir entdecken den Wesenskern der Stille. Er bleibt unangetastet vom Wirrwarr unserer persönlichen Lebensgeschichte. Tauchen wir darin ein, lassen wir alles Relative an der Oberfläche zurück und genießen die Reglosigkeit des Absoluten.


Auf der anderen Seite werden wir auch wacher für die Oberflächenebenen. Das ist weniger angenehm. Hier finden wir die "allzu menschlichen", ich-bezogenen und verletzlichen Anteile unserer Seele. Dazu gehören unerfüllte Bedürfnisse, verdrängte schmerzhafte Gefühle, menschliche Schwächen, existenzielle Bedrohungen und Enttäuschungen. Bei umfassendem Erwachen werden uns auch dieser schmerzlichen Anteile bewusster und bewusster. Vieles davon beschreibe ich im Kapitel über "Schattenleuchten".

Bevor wir zu der Stille unseres innersten Wesens erwachen, wirkt unser gewohnheitsmäßiges, zerstreutes Denken auch als Betäubungsmittel. Damit dämpfen wir - mehr oder weniger erfolgreich - die schmerzhaften und bedrohlichen Gefühle unseres Menschseins ab. Wie jemand, der sich zuhause allein und verlassen fühlt. Er stellt Radio und Fernsehen gleichzeitig an, setzt sich die Kopfhörer seines MP3-Players auf und blättert dazu noch in zahllosen Zeitschriften. Die vielen Bilder, Geschichten und Klänge mildern sein Gefühl der Einsamkeit ab, können es aber nicht zum Verschwinden bringen.

Was geschieht wenn dieser Mensch inne hält? Wenn er die Zeitschrift aus der Hand legt, den Kopfhörer absetzt, Radio und Fernseher abstellt? Zunächst wird er die Einsamkeit deutlicher spüren. Jetzt macht sie sich ungedämpft bemerkbar. Sie zerrt an ihm. Sie quält ihn. Sie schmerzt. Bleibt er oder sie aber im Feuer der Erfahrung stehen und verzichtet darauf, sich wieder oberflächlich abzulenken, tritt eine Befreiung ein. Die Einsamkeit löst sich auf. Auf einmal erfreut sich die Person an der Abwesenheit des Lärms. Sie fängt an, die Ruhe zu genießen und zu lieben. Das schmerzliche Gefühl wandelt sich in erfüllte Zufriedenheit.

Im Erwachen zur inneren Stille verhält es sich genauso. Wir ahnen und spüren schon den Balsam der inneren Ruhe - manchmal vollkommen unverhüllt. Doch zeitweise müssen wir auch noch mal die schmerzlichen Schichten unserer Seele fühlen, von denen wir uns bisher mit unseligem Gedankenlärm abzulenken versuchten. Oft erfahren wir die unangenehmen Gefühle zunächst viel eindringlicher und heftiger als zuvor - eben unverblümt, ungedämpft, unmittelbar. Manchmal erleben wir sie sogar als quälend und scheinbar unerträglich. Dennoch lohnt es sich, mit ihnen reglos zu verweilen. Bringen wir die Bereitwilligkeit auf, das Feuer lodern zu lassen, verbrennt nach und nach alles, was den inneren Frieden bisher noch überschattet hat. Dann offenbart sich die Stille umso reiner und strahlender.

Aus dem antiken Griechenland stammt das Symbol des "Phoenix aus der Asche". Dieser mythische Vogel verbrennt freiwillig. Dann ersteht er aus seiner eigenen Asche wieder auf. In der spirituellen Entwicklung müssen die meisten Menschen solche "Verbrennungsvorgänge" anscheinend mehrmals durchlaufen. Das mag zunächst wenig begeistern. Doch wenn uns dämmert, dass diese Flammen ihre reinigende Kraft jedes Mal noch nachhaltiger entfalten, freuen wir uns sogar irgendwann auf das nächste Feuer. Und wir stellen fest: Je mehr schmerzhaftes Material verbrennt, desto klarer strahlt das stille Bewusstsein, das von all dem unangetastet bleibt.

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