Kriterien für ein befreites Leben

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Kriterien für ein befreites Leben

Es gibt heute immer mehr Menschen, die als »spirituelle Lehrer« in Erscheinung treten. Bei manchen habe ich das Gefühl, dass sie tatsächlich eine umfassende innere Freiheit entdeckt haben. Andere wirken dagegen unreif oder auf einigen Gebieten unklar. Gibt es Kriterien, an denen man einen befreiten Menschen erkennen kann?

Solche Kriterien aufzustellen, ist eine heikle Sache. Derjenige der sich anmaßt, die spirituelle Überwachungspolizei zu spielen, steht schnell selbst unter Verdacht, das aus eigener Überheblichkeit zu tun. Zugleich gilt auch die Tatsache, dass Erwachen in vielen unerwarteten Facetten aufleuchtet. Es sprengt unsere herkömmlichen Werturteile und Maßstäbe. Weiterhin färbt auch der »Reifegrad« des Schülers ein, wie er einen Lehrer wahrnehmen wird – egal welche »objektiven« Kriterien wir auch aufstellen werden. Sri Poonjaji antwortete auf die Frage, warum es so viele falsche Lehrer gäbe: »Weil es so viele falsche Schüler gibt und jeder Schüler braucht einen Lehrer.« Wollen wir trotz dieser Einwände einige Kriterien aufstellen, bietet sich eine Betrachtungsweise an, welche die klassische Dreiteilung in Körper, Geist und Seele nutzt:

Auf der körperlichen Ebene können wir die physische Gegenwart eines Lehrers erspüren. Dabei braucht der Lehrer nichts zu sagen oder zu erklären. Allein seine oder ihre Anwesenheit im Raum übt auf die Menschen im Umfeld eine Wirkung aus. Der Geist kommt zur Ruhe. Sorgen und Planen verschwinden. Innerer Frieden wird zugänglich. Wer schon einmal einen kraftvollen, spirituellen Lehrer live erlebt hat, kann das nachvollziehen. Das verhält sich wie mit einem Magnetfeld. Im Umfeld eines starken Magneten richten sich Eisenspäne ganz automatisch in Richtung des Feldes aus. Der Magnet braucht dafür nichts tun. Es geschieht von alleine. Diese Präsenz kann man erspüren, wenn man sich einfach nur in die Nähe eines Lehrers oder einer Lehrerin begibt.

Auf der seelischen Ebene kennzeichnet den Lehrer eine generelle Herzensoffenheit. Sie zeigt sich als liebevolle, wertschätzende Haltung und der Fähigkeit, sich in die Welt des Schülers einzufühlen. Das bedeutet nicht, dass der Lehrer nicht auch mal als konfrontativ, abweisend oder unfreundlich erlebt wird. Doch die grundlegende Herzensoffenheit durchzieht das Wirken des Lehrers mit dem Geschmack bedingungsloser Liebe. Als innere Atmosphäre des Lehrers kann man auf dieser Ebene oft eine Grundstimmung der Freude, Heiterkeit, Dankbarkeit und Demut dem Leben gegenüber erfühlen.

Auf der mentalen Ebene finden sich Hinweise in der Sprache und geistigen Reflexion des Lehrers. Hier zeichnet er sich dadurch aus, dass er den Schüler zum radikalen Hinterfragen seines gewohnheitsmäßigen Denkens einlädt und ihn auf die Unzulänglichkeit überholter Gedankenmuster hinweist. Dabei spiegelt der Lehrer scharfe Erkenntnisfähigkeit und umfassende Weisheit wieder. Weisheit ist Ausdruck eines tieferen Wissens, das sich jenseits des konzeptuellen Verstehens in der Intelligenz der Stille gründet. Sie räumt auf mit begrenzten Theorien und reißt Vorstellungsgebäude ein, statt an ihnen zu kleben und sie als Wirklichkeit zu verwalten. Es nicht ungewöhnlich, dass ein echter Lehrer paradoxe Ausdrucksweisen benutzt. Die können sich scheinbar widersprechen, lassen aber ein Nebeneinander verschiedener Sichtweisen zu und entlarven den illusorischen Charakter einer vermeintlich »festen Wahrheit «. Zugleich ist sich der Lehrer der Begrenztheit seines eigenen Denkens bewusst. Der Advaita-Meister Sri Nisargadatta sagte gerne: »Alles was ich sage ist eine Lüge, aber das worüber ich spreche ist die Wahrheit«

Jeder Mensch, der als spiritueller Lehrer auftritt, hat vermutlich Stärken und Schwächen in seiner Vermittlung von Wahrheit. Das ist ganz natürlich. Dennoch kann man von einem guten Lehrer erwarten, dass er auf allen Kanälen von Körper, Geist und Seele eine große Durchlässigkeit und Klarheit für das Licht des Erwachens entwickelt hat. Ist das nicht der Fall, mögen wir ihn als »teilerleuchtet « bezeichnen. Dann wird uns auf die Dauer etwas in seiner Vermittlung fehlen. Vielleicht vermissen wir die Liebe, obwohl er geistig brillante Unterweisungen gibt. Vielleicht empfinden wir seine körperliche Präsenz als kraftlos, obwohl er einfühlsam auf uns eingeht. Vielleicht wirkt er präsent und liebevoll, aber es mangelt ihm an durchdringender geistiger Klarheit.
Das ist keine Katastrophe. Entweder holen wir das, was uns bei ihm fehlt, bei anderen Lehrern nach. Oder wir entwickeln uns selbst auf bestimmten Ebenen weiter als unser Lehrer. Dann können wir ihm trotzdem für all das dankbar sein, was er uns vermittelt hat. Und wir erkennen, dass der wahre Lehrer das gesamte LEBEN ist. In all seinen Formen verweist es zurück auf das formlose SEIN in uns.

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