Abfallen von Geschäftigkeit

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Abfallen von Geschäftigkeit

Seit ich mich der inneren Stille hingebe, geschieht mit mir eine Verwandlung. Ich bin sehr oft in vollkommenen Frieden mit mir und allem, was um mich herum geschieht. Zugleich verliere ich das Interesse an vielen Dingen des alltäglichen Lebens. Ich habe keine Lust mehr auf Freizeitaktivitäten, die ich früher liebte. Kino, Konzerte, Partys interessieren mich kaum noch. Auch "Small Talk" mag ich nicht mehr. Ich wäre am liebsten still oder würde nur über die wirklich wesentlichen Themen sprechen. Das irritiert meine Familie und die meisten meiner Freunde. Manche wenden sich ganz von mir ab. Muss das so sein?


Solange wir innere Stille und deren Reichtum noch nicht entdeckt haben, sind wir oft stark nach Außen orientiert. Viele unseren Lebensgewohnheiten zielen dann auf bedingtes Glück ab. Wir suchen nach Vergnügen, Abwechslung, Aufregung, Wohlgefühl, Erholung, Ruhe etc. - alles mit der Idee, dies außerhalb von uns finden zu können.

Entdecken wir die Stille in uns, ändert sich diese Orientierung oft - manchmal sanft, manchmal schlagartig. Innere Stille eröffnet uns eine Lebendigkeit und Zufriedenheit, die wenig oder gar keine äußere Stimulation braucht. Wer meditative Zustände kennt, weiß, dass es purer Genuss sein kann, schlicht und einfach nur den eigenen Atem zu spüren oder den inneren Körperraum wahrzunehmen. Manchmal lassen wir uns von reinem Frieden aufsaugen, schwelgen in grenzenloser Seligkeit oder genießen eine Leere in der sämtliche äußeren und inneren Erfahrungen verblassen. Da braucht es keine äußeren Reize, keine besonderen Ereignisse oder Begebenheiten damit wir wahrhaft zufrieden sind. Ein Yogi, der sich im Himalaya in eine Höhle einmauern lässt, um dort drei Jahre in Einsamkeit zu verbringen, ist ein extremes Beispiel solcher Bedürfnislosigkeit. Wir mögen denken "Das muss ja schrecklich sein". Doch für den Yogi ist es ein reines all-inclusive Vergnügen - vielleicht hängt er nach abgelaufener Zeit sogar noch ein Jahr günstigen Höhlen-Urlaub dran.

Für jeden Menschen zeigen sich die Auswirkungen des Erwachens auf das Alltagsleben anders. Einige leben so weiter wie zuvor. Ihr Leben ändert sich kaum. Soziale Kontakte bleiben erhalten. Dieselben Freunde. Dieselben Hobbys. Derselbe Job. Äußerlich bleibt alles ähnlich. Innerlich wird es aber aus einer anderen Haltung heraus erlebt. Für Andere zeigen sich drastische Änderungen im Außen. Alte Lebensgewohnheiten fühlen sich nicht mehr stimmig an. Das Interesse an dem, was jahrelang als bedeutend galt, schwindet. Aktivitäten, die nicht mehr im Einklang mit der inneren Erfahrung stehen, fallen ab. Das kann sich auch auf zwischenmenschliche Kontakte beziehen. Auch hier gibt es gewohnte Verhaltensweisen, die vor der Entdeckung innerer Stille bedeutend schienen. Vielleicht haben wir früher viel geredet, um Nähe zu andern herzustellen und zu pflegen. Vielleicht war es uns wichtig, anderen ein bestimmtes Selbstbild von uns mitzuteilen oder es zu verteidigen. Wir wollten persönliche Erfahrungen, Meinungen und Wissen miteinander austauschen, weil das nun mal so üblich ist.

Das Kosten innerer Stille entzieht diesen Antrieben oft ihre Grundlagen. Wir sind weniger oder auch gar nicht mehr daran interessiert, etwas darzustellen, persönliche Nähe durch Gespräche herzustellen oder Kenntnisse auszutauschen. Wir lieben die Stille - innerlich und äußerlich. Das Bedürfnis zu reden, klingt natürlicherweise ab. Vor 2500 Jahren schien es Lao Tse* ähnlich zu gehen. Im Tao Te King schrieb er: "Jene, die wissen, sprechen nicht. Jene die sprechen, wissen nicht".

Solches Schweigen kann Menschen in unserem Umfeld verunsichern. Die kannten uns bisher ja nur im gewöhnlichen Rede-Modus. Das viele Schweigen kommt ihnen jetzt vielleicht langweilig, unecht oder sogar bedrohlich vor. Bleiben wir unserem Bedürfnis nach Schweigen und Tiefgang trotzdem treu, kann sich darüber manche Beziehungen entzweien. Das kann weh tun. Doch was wäre die Alternative? Unsere Sehnsucht nach Stille und Wahrheit zu verkaufen? Mit der Herde die eingetretenen Pfade weiter trotten und vor uns her blöken? Nein. Wir dürfen ehrlich sein. Wir können dem Anderen möglichst offen mitteilen, welcher Wandel sich in uns vollzogen hat und was wir wirklich im Kontakt mit ihm oder ihr wollen. Es mag eine Herausforderung sein, dafür die richtigen Worte zu finden. In einigen Fällen wird uns unser Gegenüber verstehen. Das kann die Innigkeit der Beziehung intensiveren. In anderen Fällen werden sich Menschen von uns abwenden - für eine Weile oder für immer. Das ist ein Preis, den wir manchmal zahlen müssen. Ist er es wert? Ich meine ja. Oft zeigt sich das starke Bedürfnis nach Rückzug und Schweigsamkeit auch als eine zeitlich begrenzte Phase. Wie ein Pendel, das zuerst in die Richtung äußerer Geschäftigkeit und Redseligkeit festgehalten wurde. Wird es losgelassen, schlägt es stark in Richtung innerer Einkehr und schweigsamer Zurückhaltung aus. Schwingt es frei, pendelt es sich mit der Zeit ein. Dann entdecken wir auch in den altbekannten Alltagsaktivitäten wieder echten Tiefgang. Der vermeintlich oberflächliche Small Talk entpuppt sich als neue Spielart liebevoller Verbundenheit. Auf Partys erleben wir Begegnungen mit verblüffend offenen Menschen. Die unterhaltsame Kinokomödie erweist sich zugleich als überraschend weiser Lehrfilm. Die Trennung zwischen Reden und Schweigen, Geschäftigkeit und innerer Ruhe, Alltag und Meditation löst sich ins Nichts auf.


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